Wenn die Realität ignoriert wird
Sehr geehrte Kollegin,
sehr geehrter Kollege,
lassen Sie uns diesem Editorial einen Ausspruch von Aldous Huxley voranstellen:
“Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, indem man sie ignoriert.”
Welch’ passende Beschreibung für die Entscheidungen in diesem Jahr:
Im April sind die Honorare der Psychotherapeuten pauschal gekürzt worden – obwohl der Bedarf an psychotherapeutischen Leistungen immer weiter steigt und die Nachfrage noch einmal höher ist.
Im Juli ist das GKV-Spargesetz von Bundestag und Bundesrat beschlossen worden mit einem überdurchschnittlichen Sparen im ambulanten Bereich – obwohl 97 Prozent aller Behandlungsfälle in Arzt- und Psychotherapeutenpraxen abschließend versorgt werden und dafür nur 15 Prozent der GKV-Leistungsausgaben binden. Und obwohl die Vertragsärzte und Psychotherapeuten durch die Budgetierung ihrer Leistungen schon seit Jahren ihren Beitrag leisten, in Sachsen-Anhalt werden Vergütungen von 80 Millionen Euro pro Jahr von den Krankenkassen nicht gezahlt.
Im Oktober hat der Bundestag der Notfallreform zugestimmt – obwohl noch völlig unklar ist, wie diese unnötigen Doppelstrukturen personell und finanziell gewährleistet werden sollen. Zum Aufbau von Integrierten Notfallzentren mit Ersteinschätzungsstellen und KV-Notdienstpraxen, zur Zusicherung einer flächendeckend telefonischen und video-unterstützten 24/7-Versorgung sowie zum geplanten Pflichtkontingent an bereitzustellenden Terminen gibt es derzeit für uns noch mehr Fragen als Antworten.
Und wieder ist es da, das Termin-Thema. Nun soll die Notfallreform gesetzlich mit verankern, dass die Praxen ein festgeschriebenes Kontingent an Terminen bereitstellen müssen. Erst im Juli hat der Bundestag mit dem Spargesetz die Regelungen für eine schnelle Terminvergabe gestrichen. Alle wissen um die begrenzte Ressource Arztzeit, weil es nicht genügend Ärzte gibt. Dennoch sollen Praxen Termine für die Terminservicestelle blocken, die dann für den eigenen Patientenstamm fehlen – obwohl bereits jetzt viele gemeldete Termine nicht abgerufen oder nicht wahrgenommen werden. Das passt nicht zusammen.
Es passt auch nicht zusammen, dass die Hybrid-DRG ab 2028 vollständig wieder abgeschafft werden sollen. Vor zwei Jahren, zum Inkrafttreten der Regelung, war die Ambulantisierung noch die Zukunft und die Vertragsärzte wurden motiviert zu investieren. Nun soll auf einmal alles Schall und Rauch sein. Für uns steht fest: Die Politik verschließt die Augen vor der Realität.
Warum?
Weil sie es nicht besser weiß? Doch sie weiß es besser – wir haben unsere Bundestagsabgeordneten wieder und wieder angeschrieben, Gespräche geführt, unsere Expertise angeboten, mit Pressemitteilungen öffentlichkeitswirksam auf die verschiedenen Probleme hingewiesen. Alles wurde ignoriert.
Und da kommt wieder der obige Ausspruch ins Spiel:
"Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, indem man sie ignoriert.“
Wenn am falschen Ende gespart wird, wird man mit den Konsequenzen leben müssen. Praxen werden umdenken müssen, um gesetzliche Auflagen zu erfüllen und dennoch wirtschaftlich zu bleiben. Das wird nicht spurlos an der Patientenversorgung vorbeigehen können.
Lassen Sie uns trotz der gegebenen Bedingungen gemeinsam eine Versorgung gestalten, mit der alle Seiten – Sie, Ihre Patienten und wir als KVSA – gut leben können.