Für die Praxen beginnt eine herausfordernde Zeit
Sehr geehrte Kollegin, sehr geehrter Kollege,
mit Dr. Carsten Linnemann haben wir einen neuen Bundesgesundheitsminister. Für den Volkswirt neues Terrain. Wir stehen bereit für Dialog, fachliche Expertise und Einblicke in den Praxisalltag. Und wir hoffen, dass der ambulante Bereich endlich die Beachtung bekommt, die er verdient: In den Praxen werden 97 Prozent aller Behandlungsfälle versorgt – mit nur 16 Prozent der GKV-Leistungsausgaben. Dennoch wird weiter und unverhältnismäßig hoch am ambulanten Bereich, am Rückgrat der medizinischen Versorgung, gespart.
Das erleben wir gerade mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Seit Bekanntwerden der einzelnen Pläne bis zum Tag der finalen Abstimmung über das Gesetz haben wir – wie auch andere Kassenärztliche Vereinigungen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung – unsere Bedenken geäußert und auf die möglichen Auswirkungen hingewiesen. Ohne Erfolg.
Am 10. Juli 2026 wurde das Gesetz beschlossen, am 30. Juli 2026 trat es in Kraft. Für die Vertragsärzte und Psychotherapeuten bedeutet dies heftige Einschnitte. Allein in Sachsen-Anhalt werden von den Krankenkassen etwa 60 Millionen Euro pro Jahr weniger gezahlt.
Ob wir wollen oder nicht: Die KVen sind verpflichtet, die Inhalte umzusetzen. Einige Regelungen gelten sofort, der Großteil mit den meisten Einsparungen ab 2027. Wann welche Änderung greift, dazu haben wir Sie über Infoletter informiert. Diese und weitere Informationen finden Sie auf unserer Internetseite.
Gesetze lassen sich ändern und anpassen. Herr Dr. Linnemann, schauen Sie sich das Spargesetz mit Ihrem Blick als Ökonom noch einmal an. Dann erkennen Sie, dass das Gesetz den ambulanten Bereich im Vergleich zu anderen Bereichen extrem mehr belastet. Sie sehen, dass es Praxen fast unmöglich sein wird, betriebswirtschaftlich zu bleiben. Und Sie können schlussfolgern, was dies bedeutet: Die flächendeckende, wohnortnahe medizinische Versorgung ist in Gefahr und viele Arbeitsplätze der Beschäftigten in unseren Praxen ebenso. Lassen Sie uns dazu in den Austausch treten.
Einen gezielten Blick auf den ambulanten Bereich wünschen wir uns auch, wenn es um die Notfallreform geht und damit das Verplanen von nicht vorhandenem ärztlichem Personal in extra geschaffenen Parallelstrukturen. Im Koalitionsvertrag wird ein Primärarztsystem angestrebt, um Patientenströme sinnvoller und effektiver zu steuern – daran muss festgehalten werden. Und endlich sollte das Thema Entbürokratisierung angegangen werden, nicht zögerlich, sondern beherzt.
Apropos Gesetze: Viele Ärzte haben darauf gewartet – nun steht sie im geplanten Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen: die elektronische Überweisung. Wir sehen darin einen Gewinn für Praxen und Patienten, wenn die Neuerung effizient, einfach und ohne zusätzlichen bürokratischen Aufwand funktioniert. Über ein zentrales Versorgungsfach in der Telematik-Infrastruktur, unabhängig von der patientengeführten elektronischen Patientenakte, wäre ein schneller innerärztlicher Austausch möglich, der neben der Überweisung für die Weiterbehandlung wichtige Informationen wie Vorbefunde oder Medikationspläne zur Verfügung stellt. Die KBV hat dazu ein Konzept erarbeitet.
Was wir Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, noch ans Herz legen möchten…
Die Kampagne „Wer kümmert sich um dich? Menschen. Nicht Herkunft.“: Die KVSA unterstützt diese Initiative von Akteuren aus dem Gesundheitswesen Sachsen-Anhalts und dem Studio Neue Museen. Denn wir wissen: So, wie wir die medizinische Versorgung kennen, funktioniert sie nur, weil Menschen jeden Tag Verantwortung übernehmen – viele von ihnen mit internationalen Wurzeln. Wenn auch Sie sich mit dieser Botschaft identifizieren können und darüber in Ihrer Praxis informieren möchten, lesen Sie den Beitrag auf Seite 8 in dieser PRO dazu.
Die Wanderausstellung „Systemerkrankung. Arzt und Patient im Nationalsozialismus“, die vom 18. August bis 29. September 2026 bei der KVSA in der Flurgalerie im Haus der Heilberufe zu sehen ist: Die KBV hat die Geschichte ihrer Vorgängerorganisation, der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD), wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Die 1933 gegründete KVD war im Zuge der sogenannten Gleichschaltung Teil des nationalsozialistischen Machtapparates und hat aktiv dazu beigetragen, dessen menschenverachtende Ideologie in konkretes Handeln umzusetzen. Die Ausstellung geht mit Fallbeispielen auf unterschiedliche Themenfelder ein.
Die Landtagswahl am 6. September: Auch wenn Gesundheitspolitik hauptsächlich auf Bundesebene gemacht wird: Die Parteien im Landtag können Einfluss nehmen. Zur Entscheidungshilfe lesen Sie auf den Seiten 9 bis 18 dieser PRO, wie die Parteien, die aktuell im Landtag sind, zu gesundheitspolitischen Themen, die die ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten derzeit bewegen, stehen.
Jörg Böhme, Nadine Waldburg, Mathias Tronnier