Wenn es um mehr als nur Begrifflichkeiten geht
Sehr geehrte Kollegin,
sehr geehrter Kollege,
Ende vergangenen Jahres waren wir noch optimistisch gewesen, hat Bundesgesundheitsministerin Warken doch versprochen, die Ärzte bei weiteren Einsparungen außen vor zu lassen, da wir unseren Sparbeitrag bereits geleistet haben. Immerhin bekommen wir seit Jahrzehnten unsere Leistungen nicht voll von den Krankenkassen bezahlt. Doch mittlerweile scheinen alle ihre damaligen Worte und Bekenntnisse null und nichtig.
Nach dem Bundesrechnungshof plant nun wohl auch die Bundesministerin die Regelungen der extrabudgetären Vergütung zur offenen Sprechstunde, dem Akut- und TSS-Fall sowie dem Hausarztvermittlungsfall streichen zu wollen. So zumindest wird die Ministerin in Medien zitiert. Immer wieder kursieren “Doppelvergütung” und “zusätzliche Vergütung für Facharzttermine” umher – und alle, die im Gesundheitswesen Einsparungen ausmachen wollen, wittern Morgenluft. Politik, Bundesrechnungshof… – die Krankenkassen sowieso. Dass die Fachärzte, die von Hausärzten dringliche Behandlungsfälle zur zeitnahen Behandlung vermittelt bekommen, diese nicht doppelt oder zusätzlich, sondern “nur” zu 100 Prozent vergütet erhalten, das blenden alle aus.
Vielleicht auch, weil es für sie unverständlich ist, dass vollumfänglich erbrachte Leistungen nicht vollumfänglich vergütet werden. Für welchen Berufsstand ist das sonst noch der Fall? Ich kenne keinen. Für die ambulant tätigen Ärzte ist es viele Jahre gelebte Realität gewesen, für die Fachärzte leider noch weiterhin. Auch für sie muss die Budgetierung ein Ende haben, dafür werden wir uns weiter einsetzen.
Noch Mitte 2025 hat Ministerin Warken sich für ein Primärarztsystem ausgesprochen, gestartet ist sie Ende Januar aber in die Erarbeitung eines Primärversorgungssystems. Tino Sorge, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium und Bundestagsabgeordneter aus Sachsen-Anhalt, hat bei der Klausurtagung der Vertreterversammlung der KVSA vom Primärarztmodell gesprochen und betont, dass es um Versorgungsverbesserung gehe, der Arzt nicht herausgehalten werden solle, sondern eher eine engere Kooperation der versorgenden Berufsgruppen angestrebt sei. [Mehr dazu auf den Seiten 10/11.] Es sind also wieder verschiedende Begrifflichkeiten im politischen Raum unterwegs. Wir werden das genau verfolgen, auf geplante Definitionen achten, zwischen den Zeilen lesen und uns weiterhin lautstark für das Primärarztsystem aussprechen. Die ärztliche Versorgung muss bei den Medizinern, den Ärzten bleiben.
Und da auf politischer, gesetzgeberischer Ebene wieder so viel Bewegung herrscht, ist es richtig und wichtig, dass die Vertreterversammlung der KVSA bei ihrer Klausurtagung eine Resolution verabschiedet hat. Unter der Überschrift “Die ambulante Versorgung zukunftssicher machen” geht sie auf Herausforderungen ein, vor denen das Gesundheitssystem in Deutschland steht, und spricht sich für Strukturen aus, die eigentlich Normalität sein sollten, wie eine strukturierte medizinische Versorgung, eine angemessene Vergütung oder eine Digitalisierung mit Mehrwert. [Mehr dazu auf den Seiten 6/7.] Die Herausforderungen der Zukunft können gemeistert werden… Wenn die Politik uns mitnimmt, uns hört, uns mitgestalten lässt. Das muss Politik wollen. Wir wollen es – für unsere Praxen, für unsere Patienten, für eine weiterhin flächendeckende medizinische Versorgung.
Ihr
Jörg Böhme