Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt

Navigation und Suche

Editorial PRO 2/2024

Neue Herausforderungen und alte Versprechen

Sehr geehrte Kollegin, sehr geehrter Kollege,

das neue Jahr sollte – geht es nach Bundesgesundheitsminister Lauterbach – mit einem Abschied beginnen. Dem Abschied vom rosafarbenen Papierrezept. Das Verordnen von verschreibungspflichtigen Medikamenten soll seit Januar ausschließlich elektronisch erfolgen – so der Plan. Doch wie (fast) jede digitale Neuerung funktioniert auch diese Anwendung nicht sofort in allen Praxen reibungslos. Gerade in den ersten Wochen haben viele Kollegen beklagt, dass das Ausstellen des eRezepts länger dauert als das Ausstellen des analogen und dass es häufig zu technischen Störungen kommt. Problematisch ist sowohl die Rezeptierung von Medikamenten bei Heim- und Hausbesuch-Patienten als auch bei Lieferschwierigkeiten. Einige Praxisverwaltungssysteme haben Probleme mit den neuen Anwendungen, bei anderen hingegen läuft es. Wir hoffen, dass das eRezept bald in allen Praxen reibungslos klappt und für eine Entlastung im Arbeitsalltag sorgt. Eine wirkliche, messbare Entlastung würde eine umfangreiche Entbürokratisierung bringen. Gesundheitsminister Lauterbach hat beim Krisengipfel Anfang Januar eine Vielzahl von angestrebten Maßnahmen aufgelistet. Unter anderem geht es um das Einführen einer wirkungsvollen Bagatellgrenze bei Wirtschaftlichkeitsprüfungen, das Modernisieren der Landschaft von Praxisverwaltungssystemen oder das Fördern von telemedizinischen Praxiskontakten. Auf Außenstehende wirken die Maßnahmen vielleicht beachtlich, in den Praxen ist aber allen klar: Dies sind eher Maßnahmen, die nur wenig Entlastung im Praxisalltag bringen beziehungsweise wie im Fall der telemedizinischen Patientenpraxis-Kontakte im Einheitliche Bewertungsmaßstab nicht entsprechend abgebildet sind. Vertragsärzten und Psychotherapeuten wäre mehr geholfen, wenn zum Beispiel digitale Neuerungen erst verpflichtend eingeführt werden, wenn sie reibungslos funktionieren und die bürokratischen Hürden geringer wären.

In diesem Jahr soll die Entbudgetierung der Hausärzte kommen, auch das hat Gesundheitsminister Lauterbach beim Krisengipfel noch einmal angekündigt. Nun endlich. Eine Ankündigung, die seit Jahren im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien festgeschrieben steht. Ein Versprechen, das schon oft angekündigt, aber nicht umgesetzt worden ist. Wir sind gespannt, ob dieses Mal Taten folgen. Eine Entbudgetierung ist längst überfällig. Wir fordern sie seit Jahren. Doch wir fordern sie für alle Arztgruppen. Haus- und Fachärzte und Psychotherapeuten müssen gleichermaßen vollumfänglich erbrachte Leistungen auch vollumfänglich vergütet bekommen. Leistungsfeindliche Budgets sind in der heutigen Zeit, in der Arztzeit eine immer wichtigere Ressource ist, fehl am Platze.

Und dann werden aktuell die Eckpunkte einer Notfallreform diskutiert. Der Gesetzgeber will eine verbesserte Patientensteuerung durch ausgebaute und mit den Rettungsleitstellen vernetzte Terminservicestellen. Die notdienstliche Akutversorgung soll bundesweit mit einer 24/7-telemedizinischen Versorgung sowie mit Hausbesuchen rund um die Uhr vereinheitlicht werden. Integrierte (Kinder) Notfallzentren (INZ) sollen mit einer KV-Notdienstpraxis eingerichtet werden. – Gut gemeinte Ansätze, nur zu kurz gedacht. Der Ärztemangel ist allgegenwärtig, bei diesem Entwurf wird er einfach komplett ausgeblendet. Müssen Vertragsärzte umfangreiche Sprechzeiten im INZ oder bei der Akutversorgung absichern, werden sie Arztzeit in ihrer Praxis reduzieren müssen. Wie soll das funktionieren? Woher sollen die personellen und finanziellen Ressourcen kommen? In Kürze soll ein Referentenentwurf vorgelegt werden. Hierzu werden wir uns in Ihrem Sinne, liebe Kolleginnen und Kollegen, klar und deutlich positionieren.

Sie merken, zwar hat das neue Jahr erst begonnen, doch wir sind schon wieder mittendrin. Gesundheitspolitisch ist viel in Bewegung. Lassen Sie uns gemeinsam gestalten, was wir mitgestalten können.

Ihr
Jörg Böhme