Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt

Navigation und Suche

Arzt- und Psychotherapeutensuche

Pressemitteilungen Detail

Chancen der Digitalisierung für die medizinische Versorgung verantwortungsvoll nutzen 09. 01. 2019

Die Digitalisierung schreitet auch im Gesundheitswesen voran und verspricht Patienten, medizinischem Personal und Ärzten jeweils Zusatznutzen, Verbesserung von Service, Komfort oder Arbeitserleichterungen. Gelegentlich wird auch versprochen, dass mit Telemedizin Versorgungslücken geschlossen oder sogar Versorgungsprobleme dauerhaft gelöst werden könnten. In diesem innovativen Industrie-Kanon bleibt zudem deutlich spürbar, dass Bundesgesundheitsminister Spahn ebenfalls die Digitalisierung im Gesundheitswesen maßgeblich voranbringen möchte. Das ist auch richtig und gut so, denn die nähere Betrachtung so mancher Prozesse im Gesundheitswesen führt schon zu leichtem Kopfschütteln. Da wird z.B. ein Entlassungsbrief im Krankenhaus als digitales Dokument erzeugt, dann ausgedruckt, mit der Post in die Praxis geschickt und dort wieder eingescannt, um ihn wieder digital im Praxisrechner verfügbar zu haben. Solche und weitere Beispiele bieten sich offensichtlich beim Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen als Regelungsmasse an.

Unabhängig von solchen eher technischen Prozessen wird mit der Digitalisierung oft auch die Erwartung verknüpft, weitgehend Versorgungsprobleme zu lösen. Dies ist für ein Flächenland wie Sachsen-Anhalt mit zunehmend steigendem Altersdurchschnitt der Bevölkerung bei einer schon vorhandenen Spitzenposition und dem fehlenden ärztlichen Nachwuchs und somit erwartbaren zukünftigen Versorgungsproblemen ein wichtiges Thema. Können nun die vom Gesetzgeber angestoßenen telemedizinischen Projekte, wie die elektronische Patientenakte der Krankenkassen oder das elektronische Rezept, bei der Bewältigung dieses elementaren Problems helfen? Ja und nein. Diese Entwicklungen können Patienten, medizinisches Personal und Ärzte unterstützen, stellen aber allein keine Lösung für die großen Versorgungsprobleme dar. Medizinische Versorgung wird auch in Zukunft nicht ohne Ärzte auskommen. Die künstliche Intelligenz wird auf absehbare Zeit nicht in der Lage sein, die Aufgabe von Ärzten zu übernehmen. Insofern dürfen die gemeinsamen Bemühungen von Landesregierung und Kassenärztlicher Vereinigung zur Sicherung einer ausreichenden Anzahl niedergelassener Ärzte nicht nachlassen. Die Prognosen sind weiterhin besorgniserregend, wenn auch ein erster positiver Trend bei der Anzahl der Ärzte in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin festzustellen ist.

Digitale Medien, Apps und Online-Angebote werden von vielen Menschen zunehmend genutzt, auch im medizinischen Bereich und nicht nur von Jüngeren. Die damit erreichbare Menge an Informationen, auch falschen, führt häufig zu einer Informationsüberflutung. Daraus entstehen schnell Verunsicherungen und Ängste, die nicht begründet sind. Mit einer geeigneten App selbst die mögliche Diagnose für sich zu finden, kann Ärzte entlasten, kann aber auch dazu führen, dass verunsicherte Patienten überhaupt erst bzw. zusätzliche und ggf. auch teure Diagnostik in Anspruch nehmen
wollen, die objektiv nicht erforderlich ist. Bei dieser Facette der Digitalisierung wird zukünftig das Für und Wieder genau abgewogen werden müssen und es sind auch neue Wege des Zusammenwirkens von Arzt und Patient zu entwickeln.

Der sorgsame Umgang der Menschen mit den Gesundheitsdaten wird weiter an Bedeutung gewinnen. Wenn jeder Versicherte einer Krankenkasse bis zum Jahre 2021 die Möglichkeit der Nutzung einer elektronischen Gesundheitsakte bekommen soll, wie es die aktuelle Gesetzgebung vorsieht, dann ist es wichtig, dass diese Daten sicher übertragen und gespeichert werden und die Besitzer dieser Daten, nämlich die Versicherten, verantwortungsvoll damit umgehen. Es kann Vorteile haben, wenn bestimmte medizinische Befunde oder der Medikationsplan immer und überall verfügbar sind, aber für die Übertragung dieser Daten muss es einheitliche Standards geben. Wenn wir eine Verbesserung der Versorgung erreichen wollen, darf diese Datenverfügbarkeit auf keinen Fall mangels kompatibler Datenschnittstellen durch zusätzliche Aufwände zur Vernichtung von Arbeitszeit in den Arztpraxen und Krankenhäusern führen, die dann bei der Patientenversorgung fehlt. Nur mit einheitlichen Datenschnittstellen, die von allen Krankenkassen einheitlich umzusetzen sind, können positive Effekte realisiert werden. Der Arzt muss sich auch darauf verlassen können, dass die Daten in der elektronischen Patientenakte nicht verändert werden können oder unvollständig sind, ansonsten wird keine Verbesserung gegenüber der heutigen Verwendung analoger Informationen erreicht und kein Problem vermieden.

Die Patientenversorgung wird sich in Zukunft verändern, Digitalisierung kann uns – Ärzten und Patienten – dabei helfen, Daten vollständiger zur Verfügung zu haben und den zeitlichen Aufwand dafür zu verkürzen. Das sollte uns helfen, mehr Arbeitszeit von medizinischem Personal und Ärzten für die Patientenversorgung nutzen zu können, wenn die Digitalisierung Erleichterungen bei der Verwaltungsarbeit bringt. Damit können aber nicht alle anstehenden Versorgungsprobleme gelöst werden, es kann nur ein Baustein unter vielen sein, um die Patientenversorgung zu sichern. Dass dabei Datensicherheit und der verantwortungsvolle Umgang mit medizinischen Daten Voraussetzungen für eine breite Nutzung sind, sei vorausgesetzt.