Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt

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Editorial PRO 6/2022

Dem Digitalisierungs-Frust nicht zu viel Raum geben

Sehr geehrte Kollegin, sehr geehrter Kollege,

die Corona-Infektionszahlen sinken weiter. Immer mehr Maßnahmen, um das rasante Ausbreiten dieses Virus‘ einzudämmen, werden gelockert. So etwas wie Normalität könnte einkehren. Jetzt sollten Sie wieder einen Praxisalltag haben, der nicht mehr dominiert wird vom Testen auf und Impfen gegen COVID-19. Sollten Sie, haben Sie aber nicht. Denn das zweite Thema, das Sie in den vergangenen Jahren immer begleitet und bewegt hat, ist präsenter denn je: die Digitalisierung.

Wenn es denn eine Digitalisierung der Praxen wäre, die mit digitalen Neuerungen Mehrwerte für alle Beteiligten schafft, wären wir voller Euphorie dabei. Doch bislang sorgt sie nur für Frust und erheblichen Mehraufwand. Keine Anwendung funktioniert reibungslos.

Immer und immer wieder haben Vertreterversammlung und Vorstand der KVSA in Resolutionen und Briefen an die Politik darauf hingewiesen: Das Tempo ist zu rasant, die eingeführten Produkte zu unausgereift, die Fehlerquote einfach viel zu hoch. Keine Reaktion. Wir wollen digitalisieren – aber nicht so. Nicht, wenn die gematik augenscheinlich einen Freifahrtschein hat und die ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten als Testlabor für Neues (aus)nutzt.

Der Unmut über Entscheidungen, die den ambulant tätigen Ärzten und Psychotherapeuten vorgeschrieben werden, zieht sich durch alle Kassenärztlichen Vereinigungen. Das Fazit der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung am 23. Mai 2022: So kann und darf es nicht weitergehen. Mit umfassenden Resolutionen fordern die Mitglieder, dass es eine versorgungsorientierte Digitalisierung geben muss, dass schnellstmöglich die akuten Baustellen der Telematik-Infrastruktur behoben und bei der weiteren Strategie grundlegende Kurskorrekturen vorgenommen werden.

Erreichen wir damit etwas? Erreichen wir damit die Verantwortlichen? Wir wissen es noch nicht, doch wir hoffen es. Ein erstes Anzeichen dafür, dass unsere Kritik wahrgenommen wird, ist der Beschluss der gematik, das eRezept freiwillig in Testregionen einzuführen und den weiteren Rollout von den Ergebnissen in den Testregionen abhängig zu machen.

Dass sich unsere Arbeitsweise in den Praxen für die Zukunft rüsten und wandeln muss, ist jedem bewusst.  Aber es muss gemeinsam daran gearbeitet werden, ohne dass einem jede digitale Neuerung Sorgenfalten auf die Stirn treibt.

Geben Sie dem Digitalisierungs-Frust  nicht so viel Raum. Ihre Patienten brauchen Sie. Um Ihnen zu helfen, sind Sie Arzt oder Psychotherapeut geworden. Wenn wir das Digitalisierungs-Tempo nicht drosseln können, sollten wir versuchen, unser Tempo zu finden. Was sollen wir leisten – was können, wollen und müssen wir leisten? Auch wenn Bund und gematik Entscheidungen weiterhin über unsere Köpfe hinweg treffen – ab einem gewissen Punkt brauchen sie uns.

Ihr
Jörg Böhme