Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt

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Editorial PRO 6/2021

Die nächsten Wochen werden noch einmal herausfordernd

Sehr geehrte Kollegin, sehr geehrter Kollege,

seit gut zwei Monaten impfen die ambulant tätigen Ärzte und ihre Praxisteams gegen Corona. In Sachsen-Anhalt sind im April mehr als 100.000 und im Mai mehr als 200.000 Impfungen verabreicht worden. Laut Lieferprognosen könnten diese Zahlen in den kommenden Monaten weiter ansteigen. Danke für Ihr Engagement. Und dies alles nebenher zur ambulanten haus- und fachärztlichen Versorgung. Ich weiß aus eigener Erfahrung: So „nebenher“ läuft das nicht. Vieles muss im Vorfeld und im Nachgang organisiert und dokumentiert werden. Da nimmt das reine Impfen den kleinsten Part ein. Das hat sich trotz aller widrigen Umstände mit wechselnden Bestell- und Liefermengen, mit sich ständig ändernden STIKO-Empfehlungen und deren politischen Schlüssen doch ganz gut eingespielt.

Die Aufhebung der Priorisierung führt leider nicht automatisch zu mehr und ausreichenden Impfstoffmengen. Der Druck, der durch die Freigabe der Priorisierung auf die Terminvergabe zum Impfen entsteht, ist gewaltig. Und noch ein anderes Problem wird in den Praxen zu mehr Beratungsaufwand führen: Sollen die Erziehungsberechtigten ihre Kinder im Alter von 12 bis 15 Jahren denn nun impfen lassen oder doch lieber nicht? In jedem Fall muss auch – flankiert durch die STIKOEmpfehlung zur Impfung von Kindern und Jugendlichen – bei jedem Kind im Einzelfall entschieden werden. Jeder Erwachsene, der Angst vor einer Ansteckung durch die eigenen oder durch fremde Kinder hat, kann sich in den kommenden Wochen und Monaten mit einer Impfung schützen.

Unsere Kapazitäten in den Praxen zum Testen, Beraten und Impfen sind nicht unendlich. Unsere medizinischen Fachangestellten leisten einen hervorragenden Job – täglich an der Belastungsgrenze. Dafür gehört ihnen Dank und Anerkennung ausgesprochen. Nicht alle Impfwilligen, die anrufen oder unbestellt vor der Tür stehen, wissen um diese Belastung. Das sorgt bei vielen – eigenen und fremden – Patienten für Frust, den sie oftmals verbal gegenüber dem medizinischen Personal entladen.

Ein weiterer Aspekt ist die beginnende Urlaubszeit. Nach über einem Jahr Volllast in den Praxen muss auch eine Phase der Erholung, des Kräftesammelns möglich sein. Die Ärzte, die eine kollegiale Vertretung übernehmen, sichern damit nicht nur die medizinische Versorgung ihrer Patienten und die des zu vertretenden Kollegen. Sie müssen auch die Impfungen gegen Corona im Blick haben. Zwar kann der Kollege während des Praxisurlaubs bei den Erstimpfungen pausieren. Doch Patienten, bei denen in dieser Zeit die Zweitimpfung ansteht, sollten diese auch erhalten können. Planen Sie bitte entsprechend und sprechen Sie sich im Vorfeld mit dem Kollegen, der Sie vertritt, ab. In diesem Jahr ist ein noch intensiverer Austausch wichtig. Was überhaupt nicht kalkulierbar ist: Wie wird sich mit sinkender 7-Tages-Inzidenz und dem damit verbundenen Mehr an Freiheiten auch ohne Impfung und Testung die Impfbereitschaft entwickeln? Entsteht dann spätestens im Herbst die 4. Welle? Ein gut organisierter und eingespielter Praxisablauf kommt uns nicht nur jetzt zugute, sondern auch zukünftig. Denn nach dem Sommer folgt der Herbst. Die Zeit der Grippeschutzimpfungen startet, vielleicht sogar schon die Zeit der Auffrischimpfungen gegen Corona. Auch dann ist von den Praxisteams organisatorisches Geschick gefragt. Die Erfahrungen, die wir gerade beim Impfen in den Praxen sammeln, werden uns da sicherlich weiterhelfen.

Bei all dem engagierten Einsatz, den die ambulant tätigen Ärzte und Psychotherapeuten in der Pandemie leisten, ist es umso unverständlicher, wie der Gesetzgeber den Schutzschirm geschlossen hat. Für ihn scheint die Pandemie in den Praxen vorbei zu sein – ist sie aber nicht. Die Vertreterversammlung hatte erst Ende Februar mit einer Resolution gegen den geplanten halbherzigen Schutzschirm, der nur Leistungen der Morbiditätsbedingten Gesamtvergütung bedenken sollte, interveniert. Erfolglos. Der Schutzschirm ist nun gewandert – von den Krankenkassen zur Kassenärztlichen Vereinigung. Wenn sie ihn für ihre Mitglieder wollen, sollen sie entsprechende Regelungen schaffen und diese auch selbst finanzieren. Die Krankenkassen sind raus. Komplett. Da bleibt mir nur Kopfschütteln. Doch wir stellen uns unserer neu zugeordneten Verantwortung. Wir haben den Honorarverteilungsmaßstab ergänzt um eine Regelung, die Praxen unterstützt, die in Pandemie-Zeiten erheblich geringere Fallzahlen verzeichnen und deshalb die Fortführung der Praxis gefährdet ist. Eine entsprechende Änderung des HVM ist erfolgt.

Trotz allem: Lassen Sie uns entspannt in den Sommer gehen, auch wenn manche Woche mit viel Anspannung verbunden sein wird.

Ihr
Jörg Böhme