Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt

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Editorial PRO 1/2022

Lassen Sie uns weiter an einem Strang ziehen

Sehr geehrte Kollegin, sehr geehrter Kollege,

ein weiteres Corona-Jahr liegt hinter uns. Eines, das neue Herausforderungen für uns bereitgehalten hat: Impfen und Testen im Akkord, um den Weg aus der Pandemie zu bahnen. In Haus- und Facharztpraxen sind bisher ca. 1,85 Millionen Erst-, Zweit- und Auffrischungsimpfungen gegeben worden. Danke.

Es ist davon auszugehen, dass das Coronavirus uns auch durch dieses und die nächsten Jahre begleiten wird. Und zwar nicht nur als Randerscheinung. Aufgrund der erneuten Impfstoff-Begrenzung warten viele Menschen noch auf ihre erste Booster-Impfung. Wir fordern auch weiterhin eine bedarfsgerechte Belieferung der ambulant tätigen Haus- und Fachärzte mit Impfstoff und Impfstoffzubehör. Der Wunsch nach einer Fertigspritze wird wohl eine Utopie bleiben. Das wandlungsfähige Virus wird dazu führen, dass der Impfschutz in regelmäßigen Abständen aufgefrischt werden muss. Jährlich, halbjährlich, vierteljährlich…? Oder es wird uns ein Impfstoff bereitgestellt – am besten in Kombination mit dem Grippeschutzimpfstoff, der nur einmal jährlich zu verabreichen ist, weil der Impfschutz mindestens zwölf Monate anhält.

Auch die Digitalisierung wird uns in diesem Jahr weiter begleiten. Für die verpflichtende Einführung von elektronischer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) und elektronischem Rezept (eRezept) hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung eine Übergangsregelung festgelegt. Bis zum 30. Juni können Vertragsärzte, die technisch nicht in der Lage sind, die Daten nach dem neuen Verfahren elektronisch oder per Stylesheet zu übermitteln bzw. zu erzeugen, weiter wie bisher papierbasiert arbeiten. Wie soll es auch anders gehen, wenn der Patient krank ist und einer Verordnung bedarf. Hier braucht es zukünftig eine bessere Abstimmung aller Akteure. Ein gemeinsames Handeln von Bund und Ärzteschaft auf Augenhöhe. Kein reines Vorgeben, sondern ein Miteinander-Abstimmen. Kein zwanghaftes Festhalten an theoretischen Zielterminen, sondern ein Orientieren am Stand der praktischen Umsetzbarkeit und Funktionsfähigkeit. Was im Feldversuch noch fehlerbehaftet ist, kann eben nicht verpflichtend in die Praxen gegeben werden. Das kostet den Ärzten Nerven und Zeit. Zeit, die für die Patienten fehlt. Und das kann nicht im Sinne des Gesetzgebers sein.

Wie sehr die neue Bundesregierung auf die Gemeinschaft, auf das Miteinander, Handeln und Verhandeln setzt, bleibt abzuwarten. Im Koalitionsvertrag ist die Rede von einem „Aufbruch in eine moderne sektorenübergreifende Gesundheits- und Pflegepolitik … Alle Menschen in Deutschland sollen gut versorgt und gepflegt werden – in der Stadt und auf dem Land.“ Für uns hat die Sicherstellung der flächendeckenden wohnortnahen ambulanten haus- und fachärztlichen Versorgung obersten Stellenwert. Um das weiterhin gewährleisten zu können, braucht es mehr Medizinstudienplätze und Anreize, sich danach nicht nur in den Ballungsräumen niederzulassen. Doch davon ist im Koalitionsvertrag nichts zu lesen. Stattdessen sollen zum Beispiel nichtärztliche medizinische Berufsgruppen gestärkt werden und ärztliche Leistungen übernehmen können. Aus unserer Sicht braucht es aber qualifiziertes, in den Praxen angestelltes Personal, um den Arzt bei der Behandlung der immer älter werdenden und multimorbideren Patienten in der Praxis oder in der Häuslichkeit zu entlasten. Delegation statt Substitution. Substitution schafft nur neue Schnittstellen und ist eher ein Hindernis bei der auch von der Politik geforderten Verbesserung der sektorübergreifenden Versorgung der Bevölkerung. Hier gilt es, die geplante Entwicklung genau zu verfolgen und bei Bedarf zu intervenieren. Der Koalitionsvertrag bzw. dessen Umsetzung in der Praxis wird Ihnen und uns, Ihrer Selbstverwaltung, viel Zeit und Arbeit kosten. Nicht jeder Aufbruch und nicht jede Veränderung führt zwangsläufig zu einer Verbesserung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung. Wir werden gemeinsam mit Ihnen diese Prozesse aufmerksam verfolgen und uns wenn möglich und gewünscht auch einbringen.

Sie merken, das neue Jahr wird nicht ruhiger... Lassen Sie uns weiter an einem Strang ziehen, dann werden wir auch diese Aufgaben gemeinsam meisten.
 
Starten Sie gut ins neue Jahr und bleiben Sie gesund!

Ihr
Jörg Böhme