Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt

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Editorial PRO 11/2021

Wenn sich Befürchtungen bestätigen

 

Sehr geehrte Kollegin, sehr geehrter Kollege,

lassen Sie mich mit einer kleinen Alltagsepisode beginnen: Wir sind in der Phase der Übergangsregelung für die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). Ich habe in meiner Praxis die nötigen Voraussetzungen und starte den ersten Versuch. Mit einigen Klicks durch die Telematik-Infrastruktur (TI) schicke ich die eAU Richtung Krankenkasse. Keine Fehlermeldung, keine Auffälligkeiten. Es klappt, ich bin begeistert. Die große Ernüchterung folgt am Tag darauf. Bei der Krankenkasse ist nichts  eingegangen. Ich drucke die betreffende AU noch einmal aus und verschicke sie per Post. In der zweiten Oktoberwoche scheinen die größten Probleme behoben zu sein, die Fehlermeldungen werden weniger. Dann Ende Oktober kommt die Information von meinem PVS-Betreiber, dass auch die im System nicht als fehlerhaft gekennzeichneten eAU bei der Krankenkasse nicht angekommen sind… Das bedeutet einen manuellen Nachversand der AU durch das Praxisteam. Wertvolle Arbeitszeit, die für Aufgaben verwendet werden muss, die unnötig sein sollten. Jedes andere elektronische Teil hätte ich schon längst dem Hersteller vor die Füße geworfen, aber ohne TI keine Kommunikation und auch noch einen Malus…

Eine Erfahrung, die ich mit vielen Kollegen teile und die demotiviert. Eine Erfahrung, die an einen großen Feldversuch erinnert. Ich habe die Hoffnung, dass es spätestens Weihnachten 202(1…) funktionieren wird.

Mit mehreren Resolutionen und Schreiben haben sich Vertreterversammlung und Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt an die Politik gewandt, um darauf aufmerksam zu machen. Unsere Forderung: Dienste der TI dürfen erst eingeführt werden, wenn die Produkte ausreichend und erfolgreich erprobt und damit marktreif sind. Alles andere bedeutet Chaos in den Praxen.

Und so ist es nun auch. Die Einführung der eAU hat eindrucksvoll gezeigt, dass sich unsere Befürchtungen bestätigt haben. Die Vertragsärzte sind aufgrund technischer Schwierigkeiten oder langer Lieferzeiträume der benötigten Technik nicht in der Lage, die eAU zu nutzen. Leider. Wir hätten uns gern eines Besseren belehren lassen. Noch schwerer wiegt jedoch, dass bisher erst wenige Krankenkassen in der Lage sind, die eAU anzunehmen. Die Ärzte müssen überprüfen, ob die eAU bei den Krankenkassen eingegangen ist. Wenn nicht, greift das Ersatzverfahren. Ein enormer Zeitaufwand für die Praxisteams, der überhaupt nicht sein müsste, wenn das Prozedere im Vorfeld von allen Beteiligten mit ausreichend Vorlauf getestet worden wäre. Doch für Testphasen im laufenden Betrieb haben die Praxen keine Ressourcen. Diese Zeit fehlt für die Patienten.

Und das Chaos wird vermutlich weitergehen, wenn das elektronische Rezept wie geplant am 1. Januar 2022 eingeführt wird. Der Feldtest in der Region Berlin/Brandenburg ist bis zum 30. November verlängert. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass dann bis zum Jahreswechsel alle großen und kleinen Wehwehchen ausgeräumt und die Praxen und Apotheken komplett mit funktionierender Technik ausgestattet sind, um reibungslos durchzustarten.

Und nicht nur die Digitalisierung bewegt derzeit die Vertragsärzte und ihre Praxisteams: In der Herbst- und Winterzeit steigt die Zahl der Infektionen erfahrungsgemäß wieder an. Wohlfühlklima für Grippe- und Coronaviren. Das Einhalten der AHA-Regeln und die gute Grippeimpfquote haben im vergangenen Winter die Grippesaison quasi  ausfallen lassen. Ob es in diesem Winter wieder so sein wird? Sensibilisieren Sie Ihre Patienten, sich impfen zu lassen. Am besten gegen Corona und Influenza.

Kommen Sie gut durch den November.

 

Ihr
Jörg Böhme