Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt

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Editorial PRO 11/2022

Kein Fünkchen Wertschätzung von Seiten der Politik

nun ist es beschlossene Sache: Die Neupatientenregelung wird gestrichen, die offene Sprechstunde begrenzt. Wir haben darum gekämpft, mit offenen Briefen, Resolutionen und Protestaktionen. Doch der Bundesregierung ist das Erreichen ihres Sparzieles wichtiger als eine gute ambulante Versorgung vor allem derer, die als Neupatient oder ohne Termin in die Praxen kommen. Für genau diese Patienten sind die Regelungen vor drei Jahren gesetzlich festgeschrieben worden. Zahlen belegen, dass die Regelungen wirksam waren. Doch das zählt nicht.

Die Auswirkungen liegen auf der Hand: Aus dem Mangel an Ärzten und Arztzeit wird der Mangel an Arztterminen und Behandlungszeit werden. Ein von der Politik hausgemachtes Problem, ausgetragen auf den Schultern der Patienten und der Vertragsärzte und -psychotherapeuten.

Stattdessen sollen nun die Vermittlungen von Facharztterminen durch den Hausarzt bzw. durch die Terminservicestelle besser vergütet werden. Wieder ein höherer bürokratischer Aufwand.

Als ob die Praxen nicht schon ausgelastet genug wären. Alleine die Regelversorgung ist in Sachsen-Anhalt eine Herausforderung. Wir sind das Land mit der ältesten Bevölkerung bundesweit. Und mit der Anzahl der Älteren wächst bekanntermaßen auch der Anteil der Multimorbiden. Die Betreuungsaufgaben der Ärzte und ihrer Praxisteams werden immer umfangreicher. Dieser dauerhafte Anforderungsdruck belastet Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, sicherlich mal mehr, mal weniger. Doch Sie klagen nicht laut. Sie behandeln Ihre Patienten bestmöglich. Danke.

Dann kam Corona. Eine neue Herausforderung. Den Niedergelassenen und ihren Praxisteams war klar: Wir werden gebraucht, wir sind der Schutzwall vor den Krankenhäusern. Seit März 2020 kämpfen wir mit dem Coronavirus. Wir testen, impfen, behandeln, um dem Virus möglichst keinen Raum zum Ausbreiten zu geben.

Mittlerweile ist die Bevölkerung eher impfmüde. Das Gros hat einen vollständigen Impfschutz und/oder eine Infektion durchgemacht. Mit Blick auf die Jahreszeit sollten Sie dennoch gerade bei Patienten, die zu Risikogruppen gehören, verstärkt auf die nun wieder anstehende Grippeschutzimpfung und auch auf die COVID-19-Auffrischungsimpfung hinweisen. Ihre Patienten vertrauen Ihnen, Sie sind Ihr erster Ansprechpartner, wenn es um ärztlichen Rat und ärztliche Leistungen geht. Und das sollte auch so bleiben. Es braucht keine weiteren Berufsgruppen, die mitimpfen.

Und parallel dazu läuft in den Praxen der Digitalisierungs-Prozess weiter. Strikt nach selbst gestecktem Zeit-Plan der Politik, unabhängig davon, ob die Anwendungen funktionieren, ob sie den Alltag mehr stören als entlasten. Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, bringen sich trotz häufiger Enttäuschungen immer wieder ein mit der Hoffnung, dass eine Neuerung vielleicht doch reibungslos klappt. Danke.

Umso unverständlicher ist, wie aktuell Bund und Kassen mit uns umgehen: Die Politik streicht bewährte Regelungen. Der Orientierungswert wird auf ein Minimum heruntergefahren. Geht es nach den Krankenkassen, würde es wohl nur Nullrunden geben. Die explodierenden Energie- und Betriebskosten bleiben bislang unbeachtet. – Kein Entgegenkommen, keine Wertschätzung.

Wir haben gegen Nullrunden und Leistungskürzungen „resolutioniert“ und protestiert und damit öffentlich ein Zeichen gesetzt. Danke an alle, die mitgemacht haben. Über weitere Aktionen werden wir beraten.

Ihr
Jörg Böhme