Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt

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Editorial PRO 11/2017

Masterplan und Nachwuchssicherung für die ambulante Medizin

Sehr geehrte Kollegin, sehr geehrter Kollege,

der Mangel an Ärzten in der ambulanten, aber auch in der stationären Versorgung wird immer eklatanter. In einigen Facharztgruppen haben wir schon heute Schwierigkeiten, die Vertragsarztsitze nachzubesetzen. Das gilt insbesondere für den hausärztlichen Bereich, aber auch zunehmend für einige Facharztdisziplinen wie z. B. Augen- und Hautärzte. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, sind vielschichtige Maßnahmen erforderlich. Diese beginnen insbesondere beim Medizinstudium. Muss die Zahl der Studierenden erhöht werden? Wie sollte der Zugang zum Studium geregelt werden? Solche Fragen werden berechtigterweise immer häufiger diskutiert. Die  Bundesregierung hat mit dem Masterplan Studium 2020 schon bestimmte Maßnahmen beschlossen. Ob die Zahl der Studienplätze erhöht werden soll, wurde darin noch offen gelassen. Aus meiner Sicht ist es zunächst wichtig, die richtigen Impulse zu setzen, damit die Absolventen auch in die Fachgebiete gehen, in denen ein erhöhter Bedarf besteht. Es wird aber dennoch erforderlich sein, die Anzahl der Studienplätze zu erhöhen. Der Arztberuf hat sich deutlich weiterentwickelt, die möglichen Einsatzgebiete haben sich erweitert, die Work-Life-Balance hat sich verändert und die Anzahl der angestellten Ärzte hat sich erhöht, so dass unter dem Strich letztendlich mehr Ärzte benötigt werden. Auch die Frage des Zugangs zum Medizinstudium muss diskutiert werden. Die Abiturnote ist schon heute in vielen Fakultäten richtigerweise nicht mehr das alleinige Kriterium für eine Zulassung. Hier ist es aus meiner Sicht notwendig, durch geeignete Auswahlverfahren die Bewerber herauszufinden, die nach dem Studium mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Patientenversorgung gute Arbeit leisten werden. Solche Verfahren gibt es schon, sie sind aufwendig, aber man sollte sie nutzen und weiter ausbauen. Statistiken belegen, dass Studenten, deren Heimat Sachsen-Anhalt ist und die an unseren Universitäten in Halle und in Magdeburg studieren, auch viel häufiger nach dem Studium in Sachsen-Anhalt tätig werden. Wenn unsere bestehenden Hochschulkapazitäten auch für die Ausbildung von Ärzten genutzt werden sollen, die bei uns tätig werden, so ist es notwendig, Bewerber, die nach dem Studium in unserem Bundesland bleiben wollen, im Auswahlverfahren entsprechend zu bonifizieren. Das ist rechtlich sicher nicht ganz einfach, unsere Landesregierung hat dieses aber in ihrem Koalitionsvertrag als Ziel beschrieben. Nun bedarf es noch der Umsetzung. In diesem Zusammenhang wird im Masterplan auch eine Quote für Bewerber diskutiert, die sich verpflichten, nach dem Studium bzw. nach der Weiterbildung als Landarzt in Sachsen-Anhalt tätig zu werden. Die Einführung einer solchen Quote wird nicht von allen begrüßt. Ich halte diese für sinnvoll, nicht um damit den jetzt akut drohenden Hausarztmangel zu beseitigen – dafür ist es schon zu spät. Vielmehr aus folgender Überlegung: Wenn wir wissen, dass die Anzahl alter, multimorbider Menschen in den kommenden Jahren steigen wird und wir ebenso wissen, dass die Ausbildungskapazitäten limitiert bleiben, dann muss man auch garantieren, dass aus dem staatlich finanzierten Ausbildungssystem diejenigen Ärzte hervorgehen, die für die Grundversorgung benötigt werden. Ich denke, das kann die Gesellschaft erwarten. Wichtig ist aber auch, dass das Studium praxisrelevanter wird. Und hier, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, beginnt unsere Aufgabe in den Vertragsarztpraxen. Wir müssen uns in Zukunft viel intensiver als Lehrärzte an den Universitäten mit einbringen. Das gilt ganz besonders für die Allgemeinmedizin, weil es an den Universitäten keine entsprechenden Kliniken geben kann. Aber auch für alle anderen Fachrichtungen sollte es Normalität werden, dass niedergelassene Ärzte entsprechende Patientenprobleme erklären.

Das Gleiche gilt auch für den intensiveren Aufbau von Lehrpraxen. Die Studenten müssen das Leben in einer Praxis kennenlernen. Nur so können wir sie auch frühzeitig für die Attraktivität einer ambulanten selbstständigen Tätigkeit begeistern und uns beizeiten auch um den eigenen Nachwuchs für die Praxisübergabe bemühen. In der ambulanten Versorgung werden ganz andere Patienten behandelt als im stationären Bereich und gerade das Kennenlernen solcher Fälle ist besonders wichtig für die Ausbildung. In der Allgemeinmedizin findet dieser Kontakt schon häufiger statt, aber auch hier fehlen noch motivierte Lehrpraxen.

Im Masterplan ist vorgesehen, dass zukünftig ein Quartal des 6. Studienjahres im ambulanten Bereich absolviert werden muss. Das bedeutet letztendlich, dass in den kommenden Jahren über 400 Plätze in Lehrpraxen in Sachsen-Anhalt benötigen werden – eine große Herausforderung, die wir nur gemeinsam lösen können.

Ihr
Burkhard John